Judith

Holofernes ist nicht Gott, aber man könnte ihn leicht dafür halten. Mit mächtiger Hand entscheidet der Feldherr über Leben und Tod. Eine Blutspur durch Land ziehend, unterwirft er ein Volk nach dem anderen. Wer sich ihm als letztes ergebe, den werde er vernichten, verkündet er, und prompt fallen auch die letzten Bastionen. Nur ein Volk weigert sich. Die Ebräer sind nicht bereit, sich zu unterwerfen. Weil sie nicht können. Denn dazu könnte nur einer den Weg einer den Weg frei machen: Gott selbst, als dessen auserwähltes Volk sie sich verstehen. Und der schweigt. Und schon steht Holofernes vor der Stadt und damit der sichere Tod.
Doch dann erhebt sich eine und redet: Judith, nicht nur die Gläubigste, sondern auch die Schönste unter den Ebräern. Was nun folgt, gehört zum Machtvollsten und Emotionalstem der deutschen Dramenliteratur. Denn mit Judith und Holofernes treffen mit der Wucht uralter biblischer Gestalten plötzlich zwei Menschen aufeinander, die einander verstehen, die sich in ihrem Stolz, ihrer Unerschrockenheit und der Unmäßigkeit ihrer Gefühle gleich und dadurch bei aller Feindschaft nahe sind. Doch einer muss sich unterwerfen. Judith gibt sich Holofernes hin. Bedingungslos. Und schlägt ihm dafür danach den Kopf ab. Die Ebräer sind gerettet. Nur Gott schweigt noch immer.